Buschfunk

Brasil vs. Alemanha

Na bitte: Alle haben brav das Drehbuch gelesen und sich im Großen und Ganzen daran gehalten. Kolumbien und Frankreich bekommen noch einmal warmen Szenenapplaus und dann heißt es: Freuen wir uns auf das Halbfinale gegen Brasilien
Ich habe die Viertelfinals in Santarém geguckt, einer 300.000-Einwohner Stadt ebenfalls direkt am Amazonas. Leider führt der Fluss gerade Hochwasser, was  "Dresdener Verhältnissen" nach sich zieht, wenn die Elbe mal wieder ausrastet. Kleine Stelzendörfer stehen ebenso unter Wasser, wie die offenbar zahlreich vorhandenen Strände. Nun ja, bin ja nicht zum Planschen hier...
Untergekommen bin ich bei Julika und Georg, zwei freiwilligen Sozialarbeitern, die ein Jahr lang in einem Kindergarten arbeiten. Leider sind den ganzen Juli Ferien, so dass ich die Rasselbande nicht kennen lernen darf, aber sie versichern mir, dass hier ordentlich Action ist und die Arbeit viel Spaß macht. Das Deutschland-Spiel schauen wir zunächst in gemütlicher Runde in Nachbars Garten vor einer herrlichen Flachbild-Mattscheibe, wobei am deutschen Halbfinaleinzug niemand zweifelt und sich eigentlich alles nur um das Brasilien-Spiel dreht. 
Mit dem Motorrad-Taxi geht es dann zum Public Viewing. Der Tacho zeigte beständig 50 km/h an, auch wenn ich mir sehr sicher bin, dass diese 50 keine deutschen 50 sind..,
20 Minuten später stehen wir in einer Halle, die zu allen Seiten offen ist und von Wellblech bedeckt wird. Musikinstrumente stehen für die anschließende Party schon bereit und in der Halbzeitpause wird bereits auf Dienstag verwiesen: "Dienstag wiederkommen. Dann geht's gegen Deutschland." Das es noch eine 2. Halbzeit gibt ist absolut nebensächlich, schließlich hatte Thiago Silva per herrlichem Abstauber das 1:0 erzielt. "Da brennt gar nichts mehr an", denkt sich die ganze Halle - bis auf Thor. Der 20-Jährige hat sein Kolumbien-Trikot an. Ich kenne ihn vom Boot nach Manaus und er brüllt Kolumbien lautstark nach vorne. Seine Mutter ist Kolumbianerin, sein Vater Spanier, aufgewachsen ist Thor in Andalusien, jetzt lebt er in Frankreich und spricht 4 Sprachen fließend: Eine explosive Mischung, aber alles beten, fluchen und anpeitschen hilft nichts. Raus mit Applaus für Kolumbien.
Nach dem Abpfiff ist dann alles wie immer. Schnell wird die Glotze ausgestellt und die Forro-Party beginnt ohne auch nur noch ein einziges Interview abzuwarten. Forro ist ein Tanz mit folgenden Spielregeln: Die  Frauen müssen sich möglichst oft und spektakulär von den Jungs durch die Gegend wirbeln lassen, um dabei mit den Hüften eindrucksvoll zu zeigen, dass sie Brasilianerinnen sind. Das ganze Land scheint diese Art Tanz zu lieben. Ich kaufe mir eine Caipirinha und schaue mir die Sache mit etwas Abstand an. Fazit: Lerne ich in diesem Leben nicht mehr, sieht aber wirklich gut aus.
Morgen geht es weiter nach Belém, wo ich dann die Halbfinals sehen werde. Es ist die letzte Etappe, bestehend aus zwei weiteren Tagen Boot fahren, bevor mich der Amazonas in den Atlantik spuckt.
Ach freue ich mich auf das Halbfinale! Deutschland in Brasilien gegen den Gastgeber und das ohne Neymar und ohne Thiago Silva. Besser kann es doch gar nicht laufen. Die Schuldigen für das Halbfinal-Aus sind damit bereits gefunden. Ganz Brasilien beklagt sich abwechselnd über Trainer Felipe Scolari, der den ja auch gelb vorbelasteten Neymar beim Stand von 2:0 hätte auswechseln müssen, und beim Kolumbianer Zuniga, der in der 88. Minute DEN Hoffnungsträger des Landes zertreten hat. Die Alibis sind damit verteilt und Brasilien kann sich erhobenen Hauptes aus der Meisterschaft verabschieden. Immer die Worte auf den Lippen: "Ja aber wenn..." Dienstag wissen wir dann, ob auch alle brav das Drehbuch gelesen haben. Nicht das Hulk, Fred und David Luiz am Ende irgendwelchen Schabernack treiben, der nicht abgesprochen war. Schließlich ist es gute Sitte, sich als Gastgeber im Halbfinale gegen den kommenden Champion zu verabschieden!

Offtopic:
Ich wurde nach dem Essen gefragt: Es ist vor allem süß. Kaffee und Säfte werden in Zucker gebadet bevor sie in den Mund wandern dürfen. Das ist leider wirklich fies, aber als ich einen Mango-Guave-Limetten-Saft bestellt habe, und mit Nachdruck daraufhin wies keinen Zucker reingepanscht bekommen zu möchten, war die gute Frau fast schon beleidigt und fragte danach auch zweimal ob es schmeckt. "Ja, es ist verrückt. Es schmeckt nach Mango und Guave und Limette... großartig!". Hat sie nicht geglaubt und in den nächsten Saft meine Portion Zucker zufrieden on top mit untergemischt.