Buschfunk

Ó meu Deus

Das habe ich heute gehört. Immer und immer wieder und auch ich habe mir bei dem brasilianischen Gerumpel gegen Chile oft die Hand vor den Kopf geknallt. Man war das finster. Aber Brasilien durfte noch nicht verlieren. Die Zeit kommt, ganz sicher, aber noch nicht. Zum einen habe ich vorhin erst satte 10 Euro in ein Brasilien-Trikot investiert und zum anderen soll die Partystimmung noch nicht vorbei sein. Aber Favorit sind die grätschenden Ballverweigerer mit den lustigen Haaren längst nicht mehr. Oft hört man Holland, oder Deutschland, wobei dabei dann die Skala zwischen absolutem Triumph und maximaler Enttäuschung auch noch einmal komplett ausgereizt werden würde. Aber egal: Brasilien muss erst wieder Freitag ran und da bleiben wenigstens noch ein paart Tage Sambastimmung, denn eines haben sie hier gelernt: Ganz schnell vergessen. Abpfiff, Ton aus, Sambatänzerinnen ran und fertig ist der Gute-Laune-Cocktail.

Vorher allerdings gab es ja  noch das glatte 4:1 gegen Kamerun und davon wollte ich eigentlich erzählen. Auf dem Weg an den Rand des Dschungels, im hintersten brasilianischen Eck direkt an der Grenze zu Kolumbien, wo Mensch und Natur sich friedlich ein wirklich schönes Stückchen Erde teilen, wird tatsächlich geguckt - und zwar mit Hingabe. Es gibt keine Stromleitungen, aber dafür benzinbetriebene Aggregate die für die WM missbraucht werden. "Dafür sitzen wir dann heute Abend im Dunkeln, aber das ist okay", hörte ich auf meinem Weg durch die Wagenkolonie des Öfteren. Nur Nazareh guckte in die Röhre (bzw. genau da nicht hinein). Da ihr Mann es nicht schaffte das Aggregat zu reparieren und selbst in die Stadt abdampfte um zu gucken, blieb sie alleine zurück. Irgendjemand musste ja ihren kleinen Einkaufs-Wagen-Laden bewachen...
Wir sind dann auch in die Stadt und nach dem Sieg wurde in Tabatinga natürlich tüchtig gefeiert. Ein Mopedkorso vom Feinsten und einen Tag später hat Kolumbiens Seite der Stadt namens Leticia entsprechend nachgezogen. Ich will nicht wissen was jetzt da los ist, nachdem beide Teams vorhin nacheinander gewonnen haben, und ich ärgere mich schon ein wenig, am kommenden Freitag nicht dort zu sein, wenn sich die beiden Lager beim direkten Viertelfinalduell Nase an Nase gegenüberstehen werden. Ob es eine riesige Leinwand an der Grenze gibt, die von beiden Seiten benutzt wird? ich glaube nicht, aber auf einer Seite wird es eine ganze Nacht lang Motorrad-Korsos geben. Mindestens einen Nacht.

Ich aber bin schon wieder in Manaus, aber dieses Mal nicht in 2 Stunden mit dem Flugzeug gekommen, sondern in 72 Stunden mit dem Boot über den Amazonas. Kann ich nur empfehlen. 3 Tage kein Handyempfang ist das Beste was einem heutzutage passieren kann. Es geschehen verrückte Sachen. Leute reden miteinander. Man haben wir diskutiert: Wie viele Tore Portugal braucht um die USA noch abzufangen, ob Deutschland gg. Holland im Halbfinale oder erst im Finale möglich ist, wer nun eigentlich gegen Griechenland ran darf/muss, wer das diesjährige Champions-League-Finale gepfiffen hat, warum Irland nicht dabei ist, und und und... Kein Internet bringt die Leute an einen Tisch. An einem saß der Domino-Opi und hat die Steine nur so knallen lassen. Ich check das Spiel nicht. Also zumindest die Punktevergabe ist mir ein Rätsel, aber ich guck gleich mal nach. Hab ja wieder Internet...
Wie das mit dem Fußball gucken lief? Ganz einfach! Es gab einen Fernseher. Über ein kleines Rädchen wurde bei jedem Richtungswechsel des Bootes die Satellitenschüssel auf dem Dach manuell neu justiert. Das war anfangs nervig und am Ende wurden wir schon leicht unruhig, wenn wir nicht wenigstens 1x pro Halbzeit drehen mussten. Nicht das Captain Iglo da oben eingepennt ist und wir mit dem Kutter auf den knapp 2000km irgendwo zwischen Niemandsland und Nirgendwo in die Brennnesseln dampfen. Das wäre schade, denn Mutti den Standort per Whattsapp mitteilen geht ja nicht. Ist aber auch nicht nötig gewesen. Wir fuhren artig unsere Kurven. Die Sonne ging direkt vor unserem Hängemattenlager brav auf und unter, und am Ende hatten wir auch ganz alleine alle Varianten rausgefunden, welchen Weg Deutschland bis zum Finale vor sich haben könnte. Mit Stift, Zettel und ganz ohne Papa Google. Genial!

Bis die Tage,
Markus